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Kaufberatung Touring-Canadier: Winnetous erste Wahl

kaufberatung-canadierEinst von den Indianern und Pelzhändlern Nordamerikas als Transportmittel genutzt, haben sich Canadier heute zu beliebten Sport- und Freizeitgeräten entwickelt. Die traditionelle Birkenrinde ist dabei längst durch moderne Werkstoffe wie Kunststoff, Kevlar oder Carbon ersetzt worden. Michael Hennemanns Kaufberatung zeigt, welche Vielfalt an Formen und Materialien die unterschiedlichen Hersteller aktuell im Angebot haben. Einige Typen stellen wir etwas ausführlicher vor.

Maßarbeit

Die Bootslänge ist einer der wichtigsten Aspekte bei der Canadier-Auswahl. Sie bestimmt in starkem Maße die Fahreigenschaften und spielt außerdem eine Rolle, wenn es um die Lagerung oder den Transport auf dem Autodach geht. Es gilt dabei der altbekannte Grundsatz: Länge läuft, Kürze kurvt. Bei ansonsten unveränderten Kriterien ist der längere Canadier schneller, läuft besser geradeaus und nimmt mehr Zuladung auf als ein kürzeres Modell. Die Kehrseite der Medaille: Je länger das Boot wird, desto träger reagiert es und desto schwerer werden Kurskorrekturen. Selbst wenn man die Paddeltechnik perfekt beherrscht und die Bootsbesatzung optimal harmoniert, ist ein stolzer 5,50-Meter-Expeditionscanadier nicht die erste Wahl für einen sich in engen Haken dahinschlängelnden Kleinfluss.

Am vielseitigsten einsetzbar sind Canadier um die fünf Meter (16-Fuß-Klasse). Sie bieten ausreichend Platz, um als Pärchen mit ausreichend Gepäck auf Tour zu gehen, eignen sich aber auch für die gelegentliche Solotour und sind wendig genug für breitere Flüsse. Kurze Canadier bis etwa 4,20 Meter bieten maximale Manövrierfähigkeit und reagieren selbst auf jeden noch so zart angesetzten Bogenschlag. Sie sind aber langsam und bieten wenig Platz für Gepäck. Ihr Haupteinsatzgebiet sind ohne Zweifel Wildwassertouren. Ob Gruppe oder Großfamilie: Ausreichend Platz für größere Besatzungen und ausgedehnte Wildnisexpeditionen mit umfangreichem Gepäck bieten Canadier mit einer Länge von 5,20 Meter aufwärts.

Neben der Länge bestimmt auch die Rumpfbreite das Verhalten auf dem Wasser. Breite Canadier liegen sicher im Wasser, allerdings leidet die Geschwindigkeit und der größere Wasserwiderstand erhöht den Kraftaufwand fürs Vorwärtskommen. Bei der Angabe der Breite auf den Websites und in den Katalogen sind sich die Hersteller nicht ganz einig. Manchmal wird die Breite nur in der Bootsmitte angegeben, manchmal wird auch oben am Süllrand, am breitesten Punkt sowie an der Wasserlinie gemessen. Letztere Angabe ist dabei am aussagekräftigsten für das Fahrverhalten.

Als schmal gelten Canadier mit einer Breite bis 85 cm. Sie lassen sich sehr effizient paddeln, ermöglichen eine hohe Reisegeschwindigkeit, sind auf der anderen Seite aber naturgemäß etwas kippeliger als breitere Boote. Am häufigsten auf dem Markt vertreten sind mittlere Breiten zwischen 85 und 95 cm, und das nicht ohne Grund: Sie stellen einen guten Kompromiss aus Geschwindigkeit, Stabilität und Zuladungsreserve dar. Eher im Freizeitbereich angesiedelt und ganz sicher nicht ideal, um Kilometer im Fahrtenbuch zu sammeln, sind Canadier mit einer Breite von 95 cm oder mehr. Sie bieten eine besonders hohe Anfangsstabilität und liegen stabil im Wasser – ideal, wenn man aus dem Boot angeln oder fotografieren möchte.

Die letzte wichtige Maßangabe in Bezug auf den Rumpf ist die Höhe. Sie wird üblicherweise, ähnlich wie die Breite, an drei Punkten gemessen, und zwar an Bug, Heck sowie in der Mitte. Ein höherer Canadier bietet mehr Volumen und erlaubt eine höhere Zuladung. Gleichzeitig schafft die hohe Bordwand mehr Freiraum und es schwappt nicht gleich jede größere Welle ins Bootsinnere. Auf der anderen Seite reagieren hohe Canadier aber anfälliger auf Seitenwind.

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In einen Canadier passt neben dem Gepäck auch der vierbeinige Freund.

Unterwasserschiff

Länge, Breite und Höhe sind drei wichtige, aber bei weitem nicht die einzigen Faktoren, die die Fahreigenschaften des Canadiers bestimmen. Insbesondere die Form des Unterschiffs sowie der Verlauf der Wasserlinie geben einen Aufschluss über das Fahrverhalten des Canadiers auf dem Wasser: So ist ein Canadier mit flachem Boden und ausgeprägtem Kielsprung deutlich wendiger als einer mit Rundboden und gerader Wasserlinie.

Ein flacher Boden erhöht die Anfangstabilität, macht das Boot aber auch schwerfälliger. Und ist die hohe Anfangsstabilität, sei es durch Wind und Welle oder eine sich weit nach außen lehnende Besatzung, erst einmal überwunden, so ist es kaum noch möglich, die Kenterung zu vermeiden. Aber keine Angst, es muss schon so einiges schieflaufen, damit ein Canadier mit Flachboden kippt.

Das Gegenteil zum Flachboden ist der Rundboden, der, wie es die Bezeichnung nahelegt, gewölbt ist. Das macht den Canadier sehr schnell und erlaubt besonders effizientes Paddeln. Da das Boot aber wie ein Stehaufmännchen permanent um den Schwerpunkt pendelt, sind Rundbodencanadier gewöhnungsbedürtig. Sie fühlen sich im ersten Moment recht kippelig an und sind daher nicht besonders einsteigerfreundlich. Beherrscht man aber die Paddeltechnik, so sorgt der Rundboden für eine nicht zu übertreffende Endstabilität, denn der Canadier lässt sich durch gezielte Gewichtsverlagerung aus nahezu jeder Schräglage wieder aufrichten.

In der Praxis kommt es oft zu einer Mischform der beiden zuvor vorgestellten Ausprägungen, um eine ausreichende Geschwindigkeit bei ordentlicher Stabilität und guter Wendigkeit hinzubekommen. Canadier mit flachem oder leichtem Rundboden kombinieren die Anfangsstabilität eines Flachbodens mit der Effektivität eines Rundbodens. Die exakte Ausprägung hängt dabei stark vom Hersteller ab, und während die einen dazu tendieren, den Fokus auf eine hohe Anfangsstabilität zu legen und nur eine ganz leichte Krümmung verwenden, setzen andere auf eine starke Wölbung, um Manövrierfähigkeit und Drehfreudigkeit zu steigern...

Text: Michael Hennemann

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in Ausgabe 03/2014 des kajak-Magazins.

 

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