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Kaufberatung Trockenanzüge

sandiline DrySuit 2013 02Für die einen ist es unnötiger Luxus, für die anderen ist es in erster Linie vor allem bequem. In jedem Fall ist der Trockenanzug so etwas wie eine zusätzliche Lebensversicherung, gehört doch Kälte im Notfall zu den größten Risikofaktoren für Paddler. Für Lorenz Eberle war der Spagat, den ein Trockenanzug aus Sicht der Paddlerwelt so zwischen Luxus und Lebensversicherung macht, Grund genug, sich auf dem Markt umzuschauen.

Im Vorfeld zu dieser Kaufberatung und dem damit verbundenen Test einiger ausgesuchter Anzüge gab es auch kritische Stimmen. Wozu ein Test? Jeder Mensch ist anders. Daher wird es keine Standardlösung geben, die für alle perfekt ist. In erster Linie geht es uns darum, diverse Möglichkeiten zu zeigen. Es gibt inzwischen so viele verschiedene Lösungen für einzelne Details, so dass eine komplette Übersicht kaum noch möglich ist. Frontreißverschluss auf der Brust oder lieber von unten nach oben verlaufend? Diagonal oder gerade? Oder doch am Rücken? Reicht ein Neoprenabschluss oder brauche ich Latex? Der ist übrigens, das hat sich gezeigt, je nach Bewegungssituation auch nicht immer dicht. Gore Tex oder einfach »nur« atmungsaktiv?

Fragen über Fragen. Dieser Artikel kann und soll den Besuch beim kompetenten Fachhändler nicht ersetzen. Bei Preisen zwischen 500 und fast 1.400 Euro gibt es viel Bedarf für eine intensive und individuelle Beratung – und die gibt es nun einmal nur im Fachhandel.

Wir hatten beim Testen viel Spaß und haben so manche neue Erfahrung gesammelt. Daher geht ein Dank an alle, die den Test möglich gemacht haben. Ebenso möchten wir uns bei Palm, Blue and White, HIKO, Sandiline, Beluga, Orbit, artistic, Ursuit (Kanu-Out-Door), Canadian Canoe Shop (Kokatat und Typhoon) und Chickenline.eu für die Organisation und Unterstützung bedanken sowie natürlich bei allen, die sich bei den vorherrschenden Temperaturen ins Wasser geworfen haben.

Einführung

Eines ist klar: Paddeln macht Spaß, und das ganz sicher nicht nur bei warmem Wetter und höheren Wassertemperaturen. Letzteres ist in Europa beim Paddeln im Wildwasser ja eher ein Traum als die Realität, und auch so manches Tourengewässer bietet selbst im Hochsommer noch eisiges Wasser. Manche Flüsse führen nun einmal eher in den Monaten genug Wasser, in denen entweder Ski fahren oder ein warmes Plätzchen am Ofen eine willkommene Alternative sein könnten. Wen es aber unabhängig von Luft und vor allem von den Wassertemperaturen hinauszieht, der ist auf warme Kleidung angewiesen. Denn die passende Kleidung bietet dabei nicht nur Komfort, sondern sie ist auch eine wesentliche Komponente in Sachen Sicherheit. Natürlich plant keiner eine Kenterung oder gar eine längere Schwimmeinlage. Wenn das aber doch passiert, kann ein Schwimmer überraschend schnell zu einer echten Gefahr werden. Aber auch wer selbst nicht in Gefahr ist, sondern beim Sichern oder Bergen im Wasser steht, weiß Wärme und Trockenheit zu schätzen. Um sich wirksam vor Kälte zu schützen, gibt es für Paddler verschiedene Ansätze.

Neopren + Jacke

Der klassische Kälteschutz für Paddler ist noch immer der Neopren, wahlweise als Long John oder immer häufiger in der Kombination aus Hose und Shirt. Im Vergleich zu anderen Möglichkeiten bietet der Klassiker zusätzlichen Auftrieb und er ist immer noch recht preiswert. Er funktioniert bekanntermaßen auch im nassen Zustand, da seine Schaumstruktur dafür sorgt, dass das Wasser durch den Körper erwärmt wird. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass die Neoprenkleidung eng am Körper sitzt. Kein Körperkontakt, keine Wärme. Und als Schwimmer wird man mit dem Neopren auf jeden Fall nass. Selbst das Tragen einer Trockenjacke kann das bei einer längeren Schwimmeinlage nicht verhindern.

Der Schaumstoff wirkt im Wasser wie ein Docht und saugt sich nach und nach voll. Auch wenn die Temperatur unter dem Neopren für eine Weile ausreicht, so ist die Spaßgrenze im kalten Wasser schnell erreicht. Ergänzt wird die Neoprenkleidung in der Regel mit besagter Paddeljacke. Im Idealfall eine Trockenjacke, sehr häufig auch nur eine Halbtrockenjacke. Vor allem im Touringbereich, aber auch im Wildwasser sieht man häufig noch die normale Outdoorjacke als Alternative. Je nach Situation und den äußeren Bedingungen kann diese Kleiderwahl sehr schnell zu einem kaum kalkulierbaren Risiko werden. Wer aber eben nicht nur warm, sondern auch trocken bleiben möchte, der muss sich für eine der folgenden Möglichkeiten entscheiden.

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Trockenhose + Trockenjacke

Diese Kombination sieht man recht häufig im Einsatz. Ihr großes Plus: Zwei Teile, die man ganz nach Belieben kombinieren und eben auch mal getrennt voneinander tragen kann. Sie ist in vielen Situationen ausreichend. Aber Wasser findet immer seinen Weg, und so kann, je nach Passform, Feuchtigkeit eindringen. Der Übergang von Jacke zu Hose bleibt ein Schwachpunkt. Je nachdem, was man darunter trägt, ist die Gefahr des Auskühlens gegeben. Daher kann die Kombination Trockenjacke und Trockenhose nicht mit dem Trockenanzug konkurrieren.

Trockenanzug

Der Name verrät es bereits und weckt gleichzeitig hohe Ansprüche. Ein Trockenanzug soll den Paddler trocken halten. Auch als Windschutz, z.B. bei längeren Sicherungseinsätzen, ist das oft liebevoll als »Trocki« bezeichnete Kleidungsstück ein Genuss. Im Gegensatz zum Neopren hält ein Trockenanzug aber nicht warm. Das erreicht man erst durch die entsprechende Wahl der Kleidung darunter. So kann ein Trockenanzug tatsächlich zu einem Ganzjahreskleidungsstück werden...

 

Atmungsaktiv – brauche ich das?

Ja, wer das bezweifelt, sollte mal eine einfache (nicht atmungsaktive) Regenjacke anziehen (am besten auf nackter Haut) und zwei- oder dreimal das Treppenhaus hoch und runter laufen. Dann weiß man schon einmal, worum es geht. Bei atmungsaktivem Material wird die entstehende Feuchtigkeit nach außen transportiert. So bleibt man selbst trocken, fühlt sich warm und wohl. Atmungsaktiv bedeutet, dass das Material atmet und somit auch die Körperfeuchtigkeit nach außen abgeben kann. Im Prinzip kann man sagen, alles was nicht wirklich dicht ist, ist auf jeden Fall atmungsaktiv – und alles, was wirklich dicht ist, kann nicht richtig atmen. Ein Trockenanzug sollte natürlich richtig dicht sein und atmungsaktiv. Da liegt die Schwierigkeit. Zuverlässig lässt sich das nur mit sehr aufwendigen Materialien und Technologien erreichen. Für atmungsaktive und wasserdichte Stoffe gibt es zwei verschiedene Technologien.

1. Die hydrophile Atmungsaktivitäts-Technologie

Dahinter verbirgt sich die bekannte Dochtwirkung. Das verwendete Material ist hydrophil, d.h. es nimmt die Feuchtigkeit auf und gibt sie nach außen ab. Damit werden aber in Sachen Dichtigkeit nicht so berauschende Ergebnisse erzielt, vor allem mit Blick auf die Langlebigkeit.

2. Die mikroporöse Atmungsaktivitäts-Technologie

Hier wird mit einer mikroporösen Membran bzw. Beschichtung gearbeitet. Durch mikroskopisch kleine Poren des Materials wird die Körperfeuchtigkeit abtransportiert. Gore-Tex-Membranen funktionieren genau nach diesem Prinzip. Es ist sehr langlebig und bleibt dicht.

Warum von innen nach außen und nicht umgekehrt?

In der Regel ist die Temperatur und der Dampfdruck im Trockenanzug höher als außen. Darum wandern die Moleküle nach außen. Je größer das Temperatur- und das Dampfdruckgefälle ist, desto effektiver arbeiten atmungsaktive Materialien, d.h. umso mehr Schweiß können sie abtransportieren.

Was ist bei atmungsaktiver Bekleidung wichtig?

Das berühmte Zwiebelprinzip. Wer also auf der Haut Baumwolle trägt, ist aus dem Rennen. Synthetische Fasern sind die beste Basis im atmungsaktiven Bekleidungsmix. Sie transportieren die Feuchtigkeit weg von der Haut. Den Rest sollte der Trockenanzug erledigen. So verbleibt warme und trockene Luft nahe am Körper. Übrigens: Das Schwitzen lässt sich trotz atmungsaktiver Kleidung nicht völlig verhindern. Dafür sorgen zum einen die begrenzte Förderfähigkeit der Materialien und zum anderen zum Beispiel eng sitzende Spritzdecke und Schwimmweste.

Text: Lorenz Eberle / Bilder: Lorenz Eberle, Hersteller

Einen ausführlichen Kaufberatung lesen Sie in Ausgabe 2/2014 des kajak-Magazins.

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