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Nord Ostsee Kanal – Paddeln unter stählernen Wänden

NOK 16Wer meint, das Paddeln auf einem künstlichen Kanal wäre eintönig, dem sei der Nord-Ostsee-Kanal ans Herz gelegt. Wie Björn Nehrhoff von Holderberg zu berichten weiß, gibt es auf den knapp 100 Kilometern einiges zu entdecken.

Die Urlauber auf dem Weg nach Norden stöhnen. Die Rader-Hochbrücke, die die A7 über den Kanal führt, ist in schlechtem Zustand und wird zum Zeitpunkt unserer Tour renoviert. Leider ist sie so etwas wie ein Nadelöhr auf dem Weg nach Norden. Staumeldungen dröhnen aus den Lautsprechern der Autoradios. Aus unserem Transistor schallt dagegen nur Musik, die gute Laune macht, denn wir wollen den wunderschönen Oktobertag nutzen, um dem Nord-Ostsee-Kanal einmal vom Wasser aus einen Besuch abzustatten. Dafür meiden wir die Stauzonen und fahren über Landstraßen zum Flemhuder See bei Quarnbek, wo wir parken und einsetzen können. Von hier aus wollen wir einen Teil des Kanals paddeln, der sich über gut 100 Kilometer zwischen der Kieler Förde und der Elbe bei Brunsbüttel erstreckt.

Ein Kanal durchtrennt ein Land

NOK Nord Ostsee Kanal CE34Die Idee einer Verbindung zwischen Nord- und Ostsee ist nicht neu. Schon die Wikinger schleppten ihre Schiffe mittels Holzbohlen und Ochsenkarren zwischen Schlei und Treene hin und her, um sich den bis zu 800 Kilometer langen und gefährlichen Umweg durch das Skagerrak zu ersparen. Eine erste durchgehende Wasserverbindung für größere Schiffe wurde 1784 mit dem Eiderkanal erschaffen, auf dem die ersten Dampfer zwischen Kiel und der unteren Eider verkehrten, über die es dann in die Nordsee weiter ging.

Einen Teil dieses alten Eiderkanals befahren wir direkt nach dem Start unserer Tour. Nach etwa einem Kilometer setzen wir über eine kleine Portage von etwa 70 Metern Länge in den Flemhuder See über, der mit dem Nord-Ostsee-Kanal direkt verbunden ist. Nach Erreichen des Kanals biegen wir rechts ab in Richtung Kiel.

Kaiser Wilhelm II. eröffnete 1895 den zunächst nach ihm benannten Kanal. Nach immerhin acht Jahren Bauzeit wurde das monumentale Bauwerk, das Schleswig-Holstein in zwei Teile schneidet, fertig. Beim Bau des heutigen, international auch als Kiel Kanal bezeichneten Wasserwegs spielten allerdings, wie bei so vielen Großprojekten jener Zeit, auch militärische Erwägungen eine ausschlaggebende Rolle. Die deutsche Flotte sollte von der Ostsee in die Nordsee fahren können, ohne sich dänischem Beschuss auszusetzen. Dabei ist anzumerken, dass der Deutsch-Dänische Krieg mit den Kontrahenten Kaiserreich Österreich und Königreich Preußen auf der einen und dem Königreich Dänemark auf der anderen Seite noch nicht allzu lange her war (1864).

Heutzutage sind die alten Schleusen so marode und die Tiefe des Kanals für die Supertanker und Konsorten zu gering, so dass eine erneute Aufhübschung in der Zukunft wahrscheinlich wird. Trotz der Tatsache, dass wir uns auf einem künstlichen Wasserweg bewegen, haben wir nicht das Gefühl, auf einem tristen Industriewasserbau zu paddeln, denn das herbstliche Kleid in den Hecken und Wäldchen, die den Kanal begleiten, zeigt alle Spielarten von Gelb- und Rottönen.

Große Pötte, aber auch kleine Schiffe kommen erst mal nicht in Sicht. Das ist auf den ersten Blick etwas verwunderlich, denn der Kanal gilt mit fast 35.000 Schiffen pro Jahr immerhin als die meistbefahrene, künstliche Wasserstraße der Welt. Andererseits muss man wissen, dass die Schleusen an den Enden dazu führen, dass die Schiffe meist gleich zu mehreren anrücken oder eben gerade in einer der Schleusen stecken. So sind die Wellen unserer Kajaks erst mal die einzigen, die das dunkle Wasser des Kanals aufwühlen. Dann aber scheint ein Rudel von Schiffen aus den Schleusen entlassen worden zu sein. Ein großer Tanker hält direkt auf uns zu. In seinem Kielwasser folgen ein Containerfrachter aus Holland und ein Stückgutfrachter mit dem Heimathafen Gibraltar sowie ein kleineres Arbeitsschiff.

Trotz der Tatsache, dass wir uns auf einem künstlichen Wasserweg bewegen, haben wir nicht das Gefühl, auf einem tristen Industriewasserbau zu paddeln.

Angesichts der Tatsache, dass der Kanal nicht besonders breit ist und die Kapitäne generell immer möglichst in die Mitte hinein halten, ist das Verhalten der Schiffe stets gut vorherzusehen und niemand muss Angst haben, in die Mangel genommen zu werden. Das Gleiche sollte allerdings auch für Kajakfahrer gelten. Denn man kann sich vorstellen, wie sich ein Schiffskapitän oder der Lotse fühlen mag, wenn er den Containerriesen durch ein Nadelöhr bugsiert und plötzlich unberechenbare Kajaker mitten im Fahrwasser an der falschen Stelle auftauchen. Reagieren kann das Schiff quasi nicht. Es ist daher die Pflicht, sich als Paddler voraussehbar am Rand aufzuhalten.

Trotzdem haben wir das subjektive Gefühl, die riesigen Stahlwände fast mit der Hand berühren zu können. Schon oft haben wir das im Hafen erlebt, doch wenn sich das Schiff bewegt, dann ist das so hautnah nochmal eine andere Dimension. Besonders die großen Frachter »biegen das Wasser im Kanal«. Fährt man als Kajaker also gerade querab und in Höhe der Mitte des Schiffs, dann sieht man vor und hinter sich einen Wellenberg ziehen, der dem Schiff folgt und dessen Sog sich bis zum Ufer erstreckt. Man bekommt das Gefühl, »bergauf« zu paddeln. Trotzdem sind die Sogwellen harmlos, solange man nicht gerade das Boot an der Spundwand zur Pinkelpause abgelegt hat, denn dann wird es gnadenlos fortgespült.

Text/Bilder: Björn Nehrhoff von Holderberg

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in Ausgabe 01/2014 des kajak-Magazins.

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