Aktuelle Ausgabe

Glacier Bay – im Kajak zu den kalbenden Gletschern


013-Pt-Mc-Leod-3In der Printausgabe 1-2014 des kajak-Magazins können Sie die Kajakexpedition von Bruno Petroni in der Glacier Bay im Süden Alaskas in eindrucksvollen Bildern genießen. Da es zu dieser Unternehmung noch einiges zu berichten gibt, finden Sie hier den dazugehörigen, ausführlichen Bericht.

Nicht viele kennen die südlichste Ecke Alaskas. Dabei liegt die Hauptstadt Juneau gerade in diesem Zipfel. Über diese gelangt man via Fähre zur abgeschiedenen Siedlung Gustavus. Was danach kommt, ist nur noch Niemandsland: Eine endlos weite Gegend mit dem Namen Glacier Bay liegt vor einem, 25 Mal so groß wie der Bodensee. Und wild. Einzig in den Sommermonaten meint der Mensch, er müsse mit seinen modernen Kreuzfahrtschiffen mal eben schnell eine Runde zum Grand-Pacific-Gletscher zuhinterst im Westarm der Glacier Bay drehen. »Whale Watching» heißt das billige Zauberwort. Doch für den Rest des Jahres gehört die hundert Kilometer lange, Y-förmige Meeresbucht den Tieren, die hier leben. Bären, 250 Vogelarten, Seelöwen, Seehunde, Lachse, Störe und Buckelwale bevölkern die klimatisch von der Beringstraße her mild beeinflusste Gletscherbucht. 


014-Mc-Bride-Gl-145Auf eigene Faust bedarf die Erkundung der Glacier Bay schon etwas Abenteuergeist, Entdeckerlust und viel, viel Zeit. Wer sich diese nimmt, erfährt auf einer zweiwöchigen Kajakexpedition weit fernab jeglicher Zivilisation Naturwunder und -ereignisse, die jeden einzelnen Paddelschlag mehr als wert sind. Bei einem Alleingang muss sich der Abenteurer auf seine Fähigkeiten und Instinkte verlassen können, denn spätestens 20 Meilen weg vom Ablegeplatz in Gustavus reißt allmählich der Funkkontakt zur Küstenwache ab; Handyempfang gibt es da oben sowieso keinen. 

Wer in der Glacier Bay entspannende Urlaubstage mit ein bisschen Rudern und Zelten erwartet, bleibt besser zu Hause: Oft verflucht der wasser- und windresistente Bootsmann die stärksten Sturmböen. Oder er macht sich mitten in der Nacht im Graupelschauer auf die Suche nach den vom Winde verwehten Zeltheringen.

Als Entschädigung findet er dafür bei aufkommendem, meterhohem Seegang vielleicht auch mal Schutz in einem ruhigen Seitenkanal, der dann eine Meile weiter in eine ruhige Lagune von der Größe des Untersees (Bodensee) mündet – und merkt dann plötzlich, dass er direkt ins Schlafzimmer von zwei Buckelwalpärchen eingedrungen ist. Das ist dann echtes »Whale Watching« – quasi auf Augenhöhe, in liebevoller Gesellschaft von Schwärmen aggressiver Mücken.

020-Reid-Gl-9

Das Schauspiel der Eisriesen

014-Mc-Bride-Gl-4530 Meilen weiter nordöstlich, was im besten Fall zwei Tagesetappen entspricht, öffnet sich dem Kajakreisenden ein Naturschauspiel, das sprachlos und demütig macht: Im so genannten »McBride Inlet« tummeln sich grüne, tiefblaue, weiße und türkisfarbene Eisschollen in der Größe eines mittleren Einfamilienhauses, die erst Stunden zuvor berstend vom mächtigen McBride-Gletscher abgebrochen sind. Die Gezeiten mit einem Niveauunterschied von unglaublichen sieben Metern bei Vollmond sorgen bei der Meerenge des Inlet für Strömungsstärken wie auf der Aare im Schwellenmätteli – und das alle sechs Stunden in entgegengesetzter Richtung. Die Eisriesen werden mitgerissen, hinaus auf die offene See. Dann wieder den selben Weg zurück und wieder raus. Ein ständiges Hin und Her, zuweilen mit Gegenverkehr. Die größten Brocken bleiben in der Meerenge stecken, krachen ineinander und warten dort auf die nächste Flut.

014-Mc-Bride-Gl-16

Nicht zu nahe an den Gletscher

014-Mc-Bride-Gl-105Wer sich vom Anblick dieser gewaltigen Eindrücke lösen kann, dringt weiter vor in diese fünf Kilometer lange Bucht, an deren Ende der McBride-Gletscher im Minutentakt kalbt. Wem das Biwakieren in einer steilen Geröllhalde bequem genug ist, der kann sich unweit des Gletschers seine temporäre Bleibe einrichten und geniesst dann von da aus Glaziologie-Unterricht vom Feinsten. Man sollte aber unbedingt daran denken, den Übernachtungsplatz oberhalb des »High Tide Level« (Flutgrenze) einzurichten, wenn man nicht plötzlich mitten in der Nacht seinen Schlafsack von eiskaltem Meerwasser gefüllt haben will. 

012-Garforth-Island-7Wer die knapp hundert Meter hohe Eiswand des McBride-Gletschers etwas genauer inspizieren will, sollte vorsichtig sein: Einen gewissen Abstand sollte man wahren, und wenn man’s nicht lassen kann, bleibt man besser nur kurz in Gletschernähe. Die gigantischen Flutwellen, die ein großer Abbruch erzeugen kann, können ein Seekajak wie eine leere Zündholzschachtel an die nächste Felswand werfen. Dann wird es auch für die fast unter der Gletscherzunge auf Eisschollen lebenden Seehunde langsam ungemütlich – mit dem Unterschied, dass sich diese mit einer coolen Seitenrolle in die Tiefe der Fluten verabschieden können. 

McBride ist nur eine von rund 20 Gletscherzungen. Um sie alle zu sehen, bräuchte der Kajaker viele Monate Zeit. Zeit, die wohl nur den echten, schwimmenden Bewohnern der Glacier Bay vorbehalten bleibt.

Bruno Petroni

 

Share