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Auf der Werra von Bad Salzungen nach Hann. Münden

Lustwandeln im Papieranzug, ein Salzberg höher als der Kölner Dom und jede Menge Fachwerk – auf der etwa 200 km langen Werrareise vom thüringischen Bad Salzungen bis zum Zusammenfluss mit der Fulda am Weserstein in Hann. Münden gibt es auch abseits des Kanus so einiges zu entdecken. Michael Hennemann berichtet über eine Paddeltour, die Erlebnisse für die ganze Familie bereithält.

 

In weiße Kaftane gehüllt flanieren die Kurgäste über den Holzsteg des Gradierwerks von Bad Salzungen. Die wallenden Papierumhänge sollen die Kleidung vor unansehnlichen, weißen Salzrändern schützen, denn von der Wand nebenan rieselt aus einer Höhe von etwa sieben Metern die Natursole hinab, zerstäubt an den Enden der aufgestapelten Schwarzdorn-Reisigbündel und reichert die Luft mit Salz an. 

Als Startpunkt für die Kanutour auf der Werra habe ich die Kreisstadt Bad Salzungen an der Grenze zwischen Thüringen und Hessen etwa 80 Kilometer westlich von Erfurt ausgesucht, da uns nur ein Zeitfenster von gut einer Woche offen steht, für das mir die etwa 200 Kilometer lange Strecke bis Hann. Münden ideal erschien. Und, um ehrlich zu sein: Die unzähligen weißen Gitter auf rotem Grund, die in der Wasserwanderkarte die Wehre symbolisieren, ließen mir den Oberlauf nicht besonders attraktiv erscheinen. Immerhin zwölf Umtragestellen zählte ich zwischen dem Start der Wasserwanderstrecke in Themar und Bad Salzungen.

Die Werra entspringt im Thüringer Wald und fließt auf knapp 300 Kilometern gemütlich zwischen diesem und der Rhön nach Nordwesten, um sich in Hann. Münden mit der Fulda zur Weser zu vereinigen. Geübte Paddler können bei gutem Wasserstand im südthüringischen Themar starten, ab Bad Salzungen ist die Werra auch für Touren mit dem Canadier geeignet. 

Schon im 16. Jahrhundert gewann man im Salzunger Gradierwerk Salz. Heute dient es ausschließlich dem Kurbetrieb, der aufblühte, nachdem man um 1800 die bronchienschmeichelnde Wirkung der Sole entdeckt hatte.

Am Abend lauschen wir, zugegebenermaßen nicht ganz stilecht bei gebratenen Nudeln aus dem Asiaimbiss des nahegelegenen Einkaufszentrums statt Thüringer Bratwurst, wie der Regen unaufhörlich auf das Tarp prasselt, das wir auf dem Wohnmobilstellplatz zwischen unsere Busse gespannt haben.

Die Geräuschkulisse bleibt bis zum nächsten Morgen unverändert. Zum Glück hält sich Petrus aber an die Wettervorhersage und als der Dauerregen pünktlich zur Mittagszeit seine Arbeit einstellt, teilt sich unsere kleine, siebenköpfige Reisegruppe auf. Während Franziska mit unseren Zwillingen den Job des Shuttlefahrzeugs übernimmt, steigen Claudia, Suna und Martin in ihren Canadier und ich nehme Platz im Kajak.

Mann über Bord!

Die ergiebigen Regenfälle der vergangenen zwölf Stunden haben den Wasserstand ordentlich anschwellen lassen und machen die sonst eher träge Werra zu einem munteren Strom, der sich in zahlreichen engen Kurven dahinschlängelt. Entsprechend flott sind wir unterwegs und hinter dem Wehr in Tiefenort werden die Ufer etwas offener. Auf einem Höhenzug zu unserer Rechten thront die Krayenburg, eine der ältesten aus Stein errichteten Burganlagen im Werratal, die im Dreißigjährigen Krieg zur Ruine wurde.

Als wir voraus das Wasser schon über das nächste Hindernis rauschen hören, passiert es dann: Mann über Bord! Zum Glück ist nur Sunas Puppe baden gegangen und das Rettungsmanöver gestaltet sich recht einfach.

Schwieriger wiegt dagegen Missgeschick Nummer 2, denn während der Portage bleibt der Bootswagen in einem Schlagloch stecken und der Canadier knirscht mit voller Wucht auf den Boden. Nachdem die beiden etwa 10 cm langen Risse im Rumpf mit DuckTape repariert sind, macht ein Förderturm am linken Ufer die lange Tradition der Salzgewinnung im mittleren Werratal deutlich. Er gehört zum Erlebnisbergwerk Merkers, das sich der Geschichte des Kalibergbaus im 20. Jahrhundert widmet und mit der Kristallgrotte ein einzigartiges Naturwunder bereit hält. 

Die Klebeband-Reparatur scheint ausreichend fachmännisch gelungen, denn ohne Wassereinbruch im Boot erreichen wir das Tagesziel Dorndorf, wo wir, wer hätte das am Morgen gedacht, unsere Chili bei strahlendem Sonnenschein im Vorgarten der Fahrradherberge genießen können.

Die Werratal-Orte haben eine vorbildliche Wasserwanderstrecke mit Rastplätzen und Umtragestellen erschlossen, an denen Infotafeln alle wichtigen Hinweise und weitere touristische Tipps liefern.

Huch, kein Eisberg: Der Monte Kali

Am nächsten Tag zeigt die Werra ein neues Gesicht. Sie ist jetzt recht breit und die Ufer sind baumlos. Nachdem wir etwa sechs Kilometer gepaddelt sind, zieht am linken Ufer die schöne Silhouette von Vacha mit mehreren Türmen und viel Fachwerk vorüber. Hinter der historischen Steinbrücke erhebt sich eine mächtige Abraumhalde des Kalibergbaus, die im Volksmund »Monte Kali« genannt wird. 

Auch nach dem Wehr bei Philippsthal präsentiert die Werra ihren industriellen, von der Montanindustrie geprägten Charakter mit rauchenden Schloten, Türmen und dem weiterhin alles überragenden, sich bis zu 200 Meter hoch auftürmenden Monte Kali. Hinter dem nächsten Wehr wird es dann wieder grüner. Ein paar Schwäne dümpeln auf dem Wasser, in der Höhe kreist der Milan und in einem Steiluferabbruch zur Rechten haben sich zahlreiche Uferschwalben häuslich niedergelassen. 

Als wollte er sich von uns verabschieden taucht dann noch einmal der Monte Kali im Blickfeld auf und am Wehr in Lengers beruhigt uns eine Infotafel mit dem Hinweis über die stetig steigende 

Wasserqualität der einst durch den jahrhundertelangen Kaliabbau gänzlich versalzenen Werra, denn bis 1989 wurden so viele salzhaltige Abwässer aus dem Kalibergbau in die Werra geleitet, dass der Fluss ökologisch praktisch tot war. Seit der Wende hat sich der Salzgehalt der Werra, vor allem aufgrund des wirtschaftlichen Umbruchs und der Schließung vieler Kaliwerke in Thüringen zwar deutlich reduziert, aber die Wasserqualität ist noch immer problematisch und die Werra bis heute der salzigste Fluss Deutschlands...

Einen ausführlichen Bericht lesen Sie in Ausgabe 05/2013 des kajak-Magazins. 

 

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